JavaScript-Hinweis: Bitte aktivieren sie JavaScript in Ihrem Browser um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können.

Bericht einer Weltwärts-Freiwilligen

Ein Bericht einer WELTWÄRTS-Freiwilligen 2014

Leben im Waisenhaus

Im Waisenhaus Kinderhaus Frieda lebe ich mit 24 Kindern zusammen. Ich unterstütze sie bei ihren Hausaufgaben, helfe beim Kochen, spiele mit ihnen und manchmal höre ich ihnen einfach nur zu. Ich habe in den ersten drei Monaten verstanden, dass die Arbeit in einem Waisenhaus eine Langzeitprozedur ist und ich mich schnell mit dem Ausdruck „in der Ruhe liegt die Kraft“ anfreunden muss. Es ist eine Herausforderung, eine Vertrauensbasis mit allen Kindern aufzubauen, aber ich habe versucht, aufmerksam zu sein und ihnen die Zeit zu geben, die sie brauchen. In dieser ersten Zeit hier habe ich sehr viel gelernt, viel mehr, als ich geben konnte. „Si tu pars en voyages, voyage avec deux sacs: Un pour donner et un pour recevoir“ Ich glaube. ich habe nach diesen drei Monaten schon einen der Koffer gefüllt. Ich habe im Kinderhaus sehr viel gelernt: Wie man seine Wäsche wäscht, wie man die Gerichte vorbereitet, wie man tanzt, wie man ihre Sprache spricht und vieles mehr. Manchmal hat es sich ein bisschen angefühlt, als würde man einem kleinen Kind alles zeigen müssen. Aber als ich gemerkt habe, wie sehr sich die Kinder und vor allem die Mädchen darüber freuen, mir neue Sachen beizubringen, habe auch ich meine Sicht geändert und verstanden, dass sich der Koffer des Lernens am Anfang schneller füllt. Es hilft mir im Waisenhaus mit dem Administrator Afo Issa und den Müttern eng zusammenzuarbeiten und als Team zu arbeiten, vor allem wenn man sich selber noch in der Orientierungsphase befindet. Manchmal hatte ich Schwierigkeiten, die Kinder für meine Initiativen zu motivieren, weil sie ihren eigenen Plan haben und ich mich auch erst zurechtfinden musste, wann die Kinder Zeit haben oder mit ihren Aktivitäten (wie zum Beispiel kirchliches Engagement, Nachhilfestunden und so weiter) beschäftigt sind. Außerdem ist mir am Anfang aufgefallen, dass ihr Interessenfeld auch anders ist als meines. Sie haben mir ihre Spiele gezeigt, was für mich wiederum eine Bereicherung ist. Viel Zeit verbringe ich damit, sie bei den Hausaufgaben zu unterstützen und begleite sie auch regelmäßig im Unterricht, weil ich merke, wie sehr es ihnen hilft, von außerhalb Unterstützung zu bekommen. Es gibt mir dann auch Bestätigung, wenn ich sehe, dass sie durch meine Hilfe etwas erreicht haben und ich freue mich mit ihnen, wenn sie mit einer sehr guten Note zurückkommen. Aber auch hier ist Geduld gefragt und man muss aufmerksam sein, um zu merken, dass man Schritt für Schritt an ein Ziel kommt. Die größten Glücksmomente sind für mich dann, wenn ich von San, einer der Fünftklässler, einen Brief bekomme, in dem er sich bedankt, dass ich ihm dabei geholfen habe, für seinen Unterricht zu lernen. Kreative Lernmittel kommen sehr gut bei ihnen an, zum Beispiel einen Teil ihres Unterrichtes in ein Lied umzuwandeln, das ihnen gefällt oder auf einem Bein um das Kinderhaus zu laufen und dabei die Hymne von Togo zu lernen. Wenn Nadège, die Kleinste unter ihnen, nach der Schule auf mich zugerannt kommt oder ich mit den älteren Jungs in Englisch über verschiedene Themen kräftig diskutiere bzw. argumentiere, bin ich immer wieder sehr glücklich darüber, was mir mein Projekt für Möglichkeiten bietet: Beindruckende Menschen und ihre Lebensgeschichten.

Im Kinderhaus und in meiner Umgebung hatte ich die Möglichkeiten, viele Menschen kennen zu lernen, die mich positiv geprägt haben. Mich beeindruckt immer wieder eine der Mütter aus dem Kinderhaus, Maman Fati. Sie lebt schon seit drei Jahren im Kinderhaus und sieht ihre eigene Familie nur selten, da sie ziemlich weit entfernt wohnen. Ich bewundere die Mütter dafür, dass sie ein Teil ihres persönlichen Lebens aufgeben, um die Kinder im Kinderhaus zu unterstützen. Die Arbeit ist oft anspruchsvoll und wird meiner Meinung nach nicht genügend wertgeschätzt. Außerdem habe ich bei vielen Menschen in meiner Umgebung beobachtet, wie solide sie sind. Ein Familienmitglied wird nicht im Stich gelassen und jeder der älteren Geschwister ist mitverantwortlich um die jüngeren finanziell zu unterstützen. Ich wurde hier oft von Menschen überrascht. Sei es ein Taxifahrer, der mir zuerst den doppelten Preis gesagt hat als den, den ich eigentlich bezahle, um dann, nachdem wir ins Gespräch gekommen sind und er mehr darüber erfahren hatte, was ich in Lomé mache, mich darum bittet, seine Mahlzeit mit ihm zu teilen und gar nichts mehr von einer Bezahlung hören will oder Menschen, die mich mit einer Freundlichkeit und Selbstverständlichkeit zu sich einladen.

Sprache und kulturelle Zusammenhänge

Was mich aber am meisten beeindruckt hat, sind die Sprachkompetenzen, die die Kinder aber auch andere Personen, die ich hier kennen gelernt habe, besitzen. Oft beherrschen sie drei bis zu fünf Sprachen. Die Kinder aus dem Waisenhaus sprechen meistens drei Sprachen fließend: Die Sprache, die sie vor ihrer Ankunft im Kinderhaus gelernt haben, Ewe (die Sprache, die in Lomé gesprochen wird, da die Ethnie der Ewe sich vor allem im Süden Togos ausbreitet) und französisch. Dazu lernen sie noch Englisch und manchmal andere Fremdsprachen. Mir ist hier zum ersten Mal bewusst geworden, wie sehr eine Sprache von ihrer Kultur abhängt. Ich musste das Französisch, das ich bisher als normal empfunden hatte, in Frage stellen, da mir sehr viele Ausdrücke unbekannt und merkwürdig vorkamen. Es ist sehr interessant diesen Vergleich zu machen. Ich habe Wörter gelernt, die zwar zur französischen Sprache gehören, die ich aber in meinem Umfeld nie benutzt habe und deshalb nicht kannte. Manche Ausdrücke werden nun zu meinen Lieblingssprüchen und ich werde sie mir wahrscheinlich nicht mehr abgewöhnen.

Freizeitgestaltung und Orientierung

Neben der Zeit, die ich im Kinderhaus verbringe, besuche ich regelmäßig das Goethe-Institut in Lomé. Dort nehme ich an manchen Freitagnachmittagen an dem sogenannten „Tandem“ teil; eine Diskussionsrunde mit Togolesen und regelmäßig ein paar deutschen Freiwilligen, Praktikanten oder Berufstätigen. Mein Mentor Djato, der diese Diskussionsrunden oft leitet, hat mich eingeladen und ich nehme mit viel Interesse teil, weil es mir ermöglicht, meine eigene Denkweise zu reflektieren. Themen wie Ebola, Klimawandel, Bürgerrechte werden ausgewählt und werden teils auf Deutsch, teils auf Französisch geführt. Ich tanze gelegentlich am Sonntagnachmittag in einem Salsaclub, aber häufig schweift das Salsatanzen in mehr afrikanisch geprägtes Tanzen über. Auch wenn viele Togoer, die ich kennenlernen durfte, mit viel Interesse Tänze von anderen Kulturen lernen, geht dennoch nichts über ihre eigene Tanzkultur!

Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten die Strukturen und Organisation in Lomé zu verstehen. Hier habe ich den Fehler gemacht, meine Vorurteile nicht außen vorzuhalten und das Bild von einem „chaotischen Afrika“ in den Vordergrund zu lassen. Nur weil ich die Struktur nicht gleich verstehe und sehe, heißt es keinesfalls, dass es keine Strukturen gibt. Ich hätte mich am Anfang mehr erkundigen müssen, um zu sehen, was ich nun ohne meine europäische Brille sehen kann. Die Märkte sind auf eine bestimmte Weise organisiert und auch der Straßenverkehr, wenn man sich mit den Situationen auskennt, ist nicht so gefährlich, wie man sich ihn als Außenstehender vorstellt.

Kategorie: