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Projektreise März 2013 nach Togo

Ein Reisebericht vom Vereinsvorsitzenden Hinrich Kuessner aus Greifswald

Aus dem Inhalt: Der Leser erhältvon Herrn Kuessnerin diesem Reisebericht zunächst einige Informationen über die politische Situation in Togo zum Zeitpunkt der Reise. So auch über seinen Besuch bei einem inhaftierten Politiker des Landes. Im weiteren Verlauf erfahren wir vom Besuch der Reisegruppe im Kinderhaus Frieda in Lomé und den Gesprächen mit den Schülern und den "Kinderhauseltern". Ein weiterer Höhepunkt der Reise war die Einweihung des "Bonita-Haus" in Dapaong, dass von dem Architekten Francis Kéré entworfen wurde. Auch der Besuch von Herrn Kuessner bei dem Togoischen Ministerpräsidenten war ein bedeutender Teil der Reise. Natürlich kommt auch das Thema "Imkerei" nicht zu kurz und auch die Geselligkeit spielt in dem Bericht eine Rolle.

Am 5. März flog ich von Hamburg über Paris nach Lome, der Hauptstadt von Togo. Zwei Tage später kamen weitere fünf DAZ-Mitglieder. Ziel der Reise war der Besuch unserer Partner in Lome und in Dapaong im Norden des Landes.

Beim deutschen Botschafter konnte ich mich über die Situation in Togo informieren. 2012 sollten Kommunal- und Parlamentswahlen stattfinden. Schließlich sollten sie am 24. März 2013 stattfinden. Aber auch dieser Termin wurde verschoben, weil die Regierungs- und Oppositionsparteien sich auf kein gemeinsames Wahlverfahren geeinigt haben. Mehrere Oppositionspolitiker sind angeklagt worden, weil sie angeblich Brandstiftungen in Auftrag gegeben haben. Weil ich das nach den mir vorliegenden Informationen vor der Reise angezweifelt hatte, hat mich der togoische Außenminister über die deutsche Botschaft zu einem Gespräch eingeladen. Bei dem Gespräch war auch der Justizminister anwesend.

Er erläuterte die Vorgänge, die zur Verhaftung von rund 30 Personen geführt haben. Seine Darstellung hat mich in keiner Weise überzeugt. Während unserer Reise wurde die Anklage auf weitere Personen ausgeweitet. So wurde auch der Oppositionskandidat bei der letzten Präsidentenwahl Fabre angeklagt. Der Hauptzeuge der Staatsanwaltschaft hat am 21. März seine Aussage vor einem Richter widerrufen. Der junge Mann hatte erklärt, dass er von Oppositionspolitikern zum Brand des Marktes in Lome angestiftet und dafür bezahlt worden sei. Am 21. März erklärte er, dass er gefoltert worden sei und dass ihm für die Falschaussage von den Sicherheitskräften Geld angeboten sei. Den Hauptangeklagten Alphonse Kpogo (Generalsekretär der ADDI) konnte ich im Gefängnis besuchen. Mein Eindruck ist, dass die Regierenden die Opposition bei den Wahlen schwächen wollen und dass sie darum führende Oppositionspolitiker angeklagt haben. Internationale Unterstützung ist notwendig, damit die Anklagen zurück genommen und faire Wahlen durchgeführt werden.

 

Erfreulich waren die Besuche bei unseren Partnern. Im Kinderhaus Frieda in Lome trifft man immer auf fröhliche Kinder. Bei meinem ersten Besuch am Anfang der Reise hatte es in der Nacht einen gewaltigen Wolkenbruch gegeben. Die Regenauffangbecken, die im letzten Jahr auf dem Gelände unter der Erde angelegt wurden, waren diesen Wassermassen nicht gewachsen. Das Wasser war teilweise in die Häuser geflossen. Auf der Straße vor dem Kinderhaus waren noch große Pfützen. Im Kinderhaus war das Wasser inzwischen gut abgeflossen. Wir lernten den neuen Geschäftsführer, den "Papa" der Kinder kennen. In diese Rolle muss er noch hineinwachsen. Bei diesem Besuch war ein Vertreter der Fürsorge- und Bildungsstiftung dabei. Diese Stiftung fördert sehr unsere Arbeit. Auch ins Kinderhaus sind Gelder von ihnen geflossen, besonders in der Startphase.

Auf der Rückfahrt von Dapaong besuchte die gesamte Gruppe das Kinderhaus. Wir hatten Zeit, mit den Kindern und Mitarbeitern und Präsident Patrice Amenyah zu reden. Die regelmäßigen Besuche von DAZ-Mitgliedern im Kinderhaus sind für unsere Zusammenarbeit sehr wichtig.

Mit dem Vertreter der Stiftung, seiner Frau und Etienne Dable, dem Präsidenten von IT Village, fuhr ich am 7. März nach Dapaong. Die 650 km lange Strecke ist eine anstrengende Reise, zumal die Straße von Jahr zu Jahr schlechter wird. Besonders durch das Gebirge ist die Fahrt auch gefährlich. Durch das Gebirge wird jetzt eine neue Straße gebaut. Sie geht durch ein Tal und vermeidet viele Gefahren besonders für die vielen oft überladenen Laster. Die Straße ist bedeutsam für den Verkehr vom immer wichtiger werdenden Hafen in Lome nach Burkina Faso, Mali und Niger.

In Dapaong stieß dann am 8. März abends die DAZ-Gruppe auf uns. So konnten wir am 9. März gemeinsam den Höhepunkt unserer Reise erleben, die Einweihung des BONITA-Hauses, dem beruflichen Ausbildungszentrum in Dapaong. Der deutsche Botschafter war angereist und viele regionale Persönlichkeiten der Savannenregion waren zu diesem Fest gekommen. Es war ein schönes Fest mit vielen Reden, traditionellen Tänzen der Region und Beiträgen einer Sängerin aus Lome. Alle Redner würdigten die in Togo bisher einmalige Bauweise des Zentrums. Journalisten aus Lome und Dapaong berichteten über dies für die Region besondere Ereignis. Berufsausbildungsangebote sind bisher in der Savannenregion selten. Und der Bau selbst ist ein schöner Anblick. Eine lokale Prominenz behauptete, dass das Zentrum der schönste Bau der Stadt sei. Der aus Burkina Faso stammende, an der TU Berlin arbeitende Architekt Francis Kere ist der Schöpfer des Bauwerkes. Handwerker aus Burkina Faso und Togo haben es in sehr guter Qualität errichtet. Alle Tischlerarbeiten wurden schon in der künftigen Ausbildungswerkstatt hergestellt, auch die Möbel. Die Tischlerei war früh eingerichtet. Tischlermeister Dunzik aus Buddenhagen bei Greifswald hatte für DAZ die Maschinen eingekauft. Das Ergebnis zeigt uns, dass dies eine sehr gelungene Aktion war. Stolz konnte darum dieser Bau übergeben werden. An der Finanzierung haben viele mitgeholfen: BMZ 370 T€, Fürsorge- und Bildungsstiftung 119 T€, NUE 25 T€, Stiftung Nord-Süd-Brücken 10 T€, Einzelspender 45 T€. Im Dezember 2010 war die Grundsteinlegung. Viele Schwierigkeiten, besonders bei der Materialbeschaffung, konnten gut gemeistert werden. Der Leiter der Ausbildungsstätte beginnt am 1. April seine Arbeit. Im Herbst soll die erste Ausbildung starten. Es stehen Angebote für Abiturenten und Zehn- Klassen-Absolventen aus Togo und den Nachbarländern zur Verfügung.

Die Bedeutung des Ausbildungszentrums für die Region unterstrichen der Präfekt und ein ehemaliger Minister, die uns an zwei Abenden zum Essen einluden. Der ehemalige Minister gehört zu den Gründern der ECO-Bank. Er hat IT Village Hoffnung gemacht, dass die Stiftung dieser Bank die Ausbildungsstätte unterstützt z.B. mit Stipendien. Das ist ein gutes Signal, denn IT Village legt großen Wert darauf, dass die Ausbildungsstätte zu einer guten Zusammenarbeit mit der togoischen Wirtschaft kommt. So kann geholfen werden, dass junge Leute bezahlte Arbeit bekommen und Unternehmen ausgebildete Mitarbeiter. Beides ist in Togo kein Selbstläufer.

Überraschenderweise bekam ich kurz vor unserem Abflug aus Togo eine Einladung zu einem Gespräch mit dem togoischen Ministerpräsidenten. Er dankte für die Initiative für das Ausbildungszentrum. In einem weiteren Gespräch mit dem zuständigen Fachminister wurde eine finanzielle Unterstützung für die laufenden Ausgaben in Aussicht gestellt. Zunächst braucht das Zentrum aber die staatliche Genehmigung für die Ausbildung. Der Antrag läuft. Leider dauern solche Dinge in Togo oft sehr lange.

In Kourdjoak konnten wir die nächste Baustelle von IT Village besehen. Dorfbewohner schachteten die Fundamente für einen Schulerweiterungsbau aus. Es entstehen drei Klassenräume, ein Lehrerzimmer und ein Gebäude für die Schulspeisung mit Küche, großem Essraum, der auch für Schul- und Dorfveranstaltungen genutzt werden kann, und weiteren kleinen Räumen. In Kourdjoak gibt es keinen Strom. Das Haus soll das erste Gebäude im Dorf werden, das durch Solarstrom beleuchtet wird. Ein Mitglied der Reisegruppe, Prof. Dr.-Ing. Jörg Reiff-Stephan von der TH Wildau wird dafür einen Vorschlag erarbeiten. Er will mit Studenten auch einen solarbetriebenen Antrieb für die Lehmpresse erarbeiten. Das Pressen der Lehmsteine ist Knochenarbeit, die dadurch erleichtert werden soll.
Die Klassenräume sind ebenfalls ein Bauwerk von Architekt Kere.

Beeindruckend war für uns zu erleben, dass auch Bewohner von Nachbardörfern, die keinen direkten Nutzen von der Schule haben, beim Bau mithalfen. So halfen viele Frauen beim Beladen von LKWs mit Kies und Sand für die Baustelle.

Aber wir erlebten auch Probleme So hat IT Village vor vier Wochen 40 t Zement von den Heidelberger Zementwerken bestellt. In Togo gibt es zwei Zementhersteller. Die Heidelberger gelten als zuverlässige Lieferer. Aber man kann den Zement nicht bei ihnen direkt beziehen, sondern bestellt ihn bei Händlern, die für die Heidelberger den Zement vermarkten. Der Zement sollte in wenigen Tagen geliefert werden. Bezahlen muss man den Zement schon vor der Lieferung. Das hat IT Village auch getan. Als der Zement nicht kam, hieß es zunächst, dass der Laster eine Reifenpanne hatte. Dann hatte er einen Unfall. Schließlich gab der Händler IT Village das Geld zurück. ärgerlich, der Bau steht still und das kostet Geld.

Schulbesuche in der Savanne machen einen immer wieder traurig und ärgerlich. Die Regierung von Togo ist nicht in der Lage oder nicht bereit (?) in alle ihre Grundschulen ausgebildete Lehrer zu schicken. An der Grundschule in Nagre 2 werden 348 Schülerinnen und Schüler von 6 Lehrern unterrichtet. Kein Lehrer hat eine Ausbildung. Vier von ihnen wurden in Kursen von fünf Wochen für diese Arbeit vorbereitet. Zwei sind nur von diesen Lehrern eingearbeitet worden. Für zwei Lehrer bezahlt DAZ das Gehalt. Die Regierung zahlt diesen sogenannten Freiwilligen am Jahresende 90.000 Fcfa. Das ist eine einmalige Zahlung von nicht einmal 140 €. Aber nicht jeder der rund 9.000 Freiwilligen in Togo bekommt dieses Geld. Bisher gab es in Notse eine Ausbildungsstätte für Grundschullehrer. Sie war zeitweise geschlossen. In diesem Jahr sollen regionale Ausbildungsstätten eröffnet werden, so auch in Dapaong. Die Ausbildung dauert nur ein Jahr.

Bei diesen Voraussetzungen ist es kein Wunder, dass viele Schüler schon in der 3. Klasse die Versetzung nicht erreichen. IT Village will darum im neuen Ausbildungszentrum Weiterbildungskurse für Grundschullehrer anbieten.

In Kourdjoak haben wir Väter gefragt, warum so wenige Mädchen in den 5. und 6. Klassen sind. Die Antworten waren: Mädchen müssen zuhause arbeiten. Sie haben kein Interesse an der Schule. Sie heiraten früh. Diese Antworten zeigen, dass in den Dörfern der Savanne noch viel überzeugungsarbeit geleistet werden muss, damit auch Mädchen ihre Chance bekommen und sie auch ergreifen. IT Village will seine Förderpraxis für Schüler aus armen Familien so verändern, dass Fördergelder künftig zurück gezahlt werden müssen, wenn Schüler trotz ausreichender Leistung die Grundschule vor dem Abschluss verlassen.

Das Honigprojekt läuft bis auf einen wichtigen, letztlich entscheidenden Punkt, nämlich die Vermarktung, sehr gut. Einige von uns konnten bei der Honigernte aus Tontöpfen zusehen. Sie nahmen staunend wahr, wie der Imker ohne Schutzkleidung große weiße Honigwaben aus dem großen Topf beförderte. Das geschah im Dunkeln. Die Bienen können dann nicht sehen. Sie verhielten sich ruhig am Topfrand und krochen nach der Aktion wieder in das Tongefäß. Die dunklen Waben mit der Brut und der Königin blieben unbeschadet im Topf. Der Imker wurde nicht gestochen. Ein Zuschauer erhielt einen Stich.

Die Verarbeitung des Honigs läuft auf hohem Standard. Die Vermarktung im Land wird zurzeit verbessert. Märkte, Hotels und Geschöfte werden verstärkt angesprochen. Dafür soll speziell jemand eingestellt werden, der Kunden aufsucht und Kundenkontakte pflegt. Das Exportverfahren in die Europäische Union soll weiter betrieben werden. Aber darauf soll nicht alle Hoffnung gesetzt werden.

Für 2014 hatten wir zusammen mit IT Village den Start eines AgroForstprojektes in Nagre 2 geplant. Dieser Start muss verschoben werden. Der zeitliche und kräftemäßige Aufwand für die laufenden Projekte ist so groß , dass 2014 kein neues Projekt begonnen werden kann. Der Start für die Ausbildungsstätte, die Vermarktung des Honigs und der Schulbau in Kourdjoak binden alle vorhandenen Kräfte.

In der Savanne Togos gibt es auch Fortschritte. So konnten wir zur Grenze nach Burkina Faso eine neue gute Straße nutzen. Von Dapaong in Richtung Kourdjoak ist eine Stromleitung gebaut worden. Und man sieht mehr Fahrräder und Mopeds auf den Straßen. In den Dörfern streben viele Leute danach, die Rundhütten durch rechteckige Betonhäuser mit Wellblechdach zu ersetzen. Dies sind Zeichen dafür, dass mehr Geld im Umlauf ist. Allerdings ist die Armut immer noch sehr groß.

Zwischendurch machten wir einen Abstecher in den Pendjari-Nationalpark in Benin. Zwei Tage konnten wir viele Tiere wie Elefanten, Affen, Büffel, große und kleine Antilopen, Warzenschweine, Flusspferde, Krokodile, Vögel, auch drei Löwen beobachten. Es ist ein großzügig angelegter Park, der eine Reise wert ist.

Leider war die Reise durch Lebensmittelvergiftungen für einige Teilnehmer beeinträchtigt. Ein Teilnehmer musste mehrere Tage in Dapaong ärztlich betreut werden. Wir konnten dabei feststellen, dass die Untersuchungen im staatlichen Krankenhaus in guter Qualität und schnell durchgeführt wurden. Die Behandlung fand dann unter sehr guter ärztlicher Aufsicht in einem Hotel statt. Da der Gesundheitszustand uns sehr bedenklich erschien, beantragte der Betroffene einen Rücktransport bei der HUK. Das waren ernüchternde Verhandlungen. Die Kasse interessierte sich wenig für den Patienten. Es ging nur um das Geld, das die HUK möglichst nicht zahlen wollte. Anders war es beim ADAC. Ein Arzt rief täglich aus Deutschland an und erkundigte sich nach dem Gesundheitszustand. Er vermittelte den Eindruck, dass die Rückführung durch den ADAC finanziert wird, wenn sie notwendig wird. Das hat den Gesundwerdungsprozess positiv beeinflusst. Er reiste einige Tage früher über Ouagadougou zurück. Die Straße von Dapaong nach Ouagadougou ist rund 300 km kürzer als nach Lome.

Es war eine schöne, aber auch anstrengende Reise. Aus Deutschland wurde uns berichtet, dass der Winter noch einmal richtig zugeschlagen hat. Aus MV wurden bis zu 18 Grad minus gemeldet. Wir erlebten eine auch für die Savanne ungewöhnliche Hitzewelle mit bis zu 44 Grad im Schatten. Am 22. März landeten alle in Berlin bzw. Hamburg etwas erschöpft mit vielen neuen Eindrücken.

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